Der Nachdenklichkeit eine Chance geben

Reinhard Karger im Email-Interview mit Kerstin Krämer – für die Saarbrücker Zeitung. Der daraus entstandene Artikel “Alle fanden sich in einer anderen Welt wieder” erschien in der Saarbrücker Zeitung, Seite C6, 22.09.2011

Hatten Sie die Fotos zuvor schon einmal öffentlich (bzw. im Netz) gezeigt?
Die Fotos der Ausstellung “Eine Woche im September 2001” in der Patton Stiftung: Sustainable Trust zeige ich 2011 das erste Mal öffentlich (13.08.-03.10.2011). Gezeigt werden 50 ausgewählte Fotodrucke; insgesamt sind es mehr als 200 Fotos – alle Aufnahmen sind in New York in der Zeit 08.-16.09.2001 analog entstanden, die Negative digital eingescannt.
Bei der Ausstellungseröffnung am 13.08. und danach wurde ich wiederholt gefragt: Warum hast Du die Fotos erst 10 Jahre nach dem 11. September veröffentlicht? Eine verständliche Frage.

Die New Yorker Skyline sah magisch aus, friedlich und vielversprechend – frühmorgens am 11. Septembers. Die Fotos sind ruhig, bleiben still, auch dann, wenn sie die Katastrophe zeigen, die apokalyptische Staub- und Qualmwolke über Manhattan, wenn sie den spätsommerlichen Sonnenuntergang des 11. Septembers zeigen oder den Sonnenaufgang des 12. Septembers. Der Vordergrund bleibt statisch, Liberty Landing Marina, ein Yachthafen, das Wasser bewegt sich kaum, wenige Menschen sind auf den Booten zu sehen – im Hintergrund kollabieren die World Trade Center und nehmen das 20ste Jahrhundert mit. Die letzten 10 Jahre waren kriegerisch, aber Osama Bin Laden ist tot, ein Kapitel ist geschlossen. Ich hoffe, dass wir uns heute ruhiger mit diesem Tag beschäftigen können, dass wir jetzt einen Dialog tatsächlich aufnehmen, dass wir vielleicht ab und zu auch wieder mehr in der Lage sind, die westlich geprägte Weltmarktwirtschaft kulturell und differenziert zu überdenken – möglicherweise gibt es jetzt eine Chance, einen gemeinsamen Weg zu finden für globalen Wohlstand mit mehr Ressourcenschonung und weniger Verteilungsungerechtigkeit. (Klingt naiv, ist es auch. Aber lieber so als der zynische Tanz auf dem Vulkan.)

Was versprechen Sie sich von der Veröffentlichung der Fotos in der Ausstellung in der Patton Stiftung?
Die Mission der Patton Stiftung ist Sustainable Trust, ist internationale Aussöhnung durch Dialog und Begegnung. Ich war sehr froh, für diese Fotos einen Ort und eine Stiftung gefunden zu haben, wo es um die inhaltliche Auseinandersetzung mit Zeit- und Gegenwartsgeschichte geht, um das eigene Erleben, die eigenen Beiträge, um die Diskussion des angemessenen politischen Handelns angesichts einer Terrorkatastrophe, aber auch im Kontext des gegenwärtigen arabischen Frühlings. Ich bin davon überzeugt, dass diese Fotos der Nachdenklichkeit eine Chance geben, dass sie eine heilende Wirkung haben und eine konstruktive Diskussion befördern.

Was versprechen Sie sich von der Internetseite september-2001.net/wo-warst-du-am-11-september, auf der andere Menschen ihre Erinnerung an diesen Tag öffentlich machen können?
Berichte von Augenzeugen stehen neben Geschichten von Touristen, deren Flüge umgeleitet wurden, Erlebnisse von Hochzeitsreisenden, deren Flitterwochen ein Übermaß an Realität erfuhren, Hochschwangere, die die Ereignisse des Tages erst viel später erfuhren, andere erinnern sich an die Geburt ihres ersten Kindes oder die mündliche Abschlussprüfung. Viele kamen von der Arbeit, aus der Schule, die meisten dachten an einen schlechten Science Fiction oder an ein Medienexperiment der Versteckten Kamera. Immer wieder Berichte von Kindern, die verblüfft waren, dass ihre Eltern ihnen das Fernsehen erlaubten. Alle wurden aus dem Alltag gerissen, alle haben sich in einer anderen Welt wieder gefunden, viele haben das Bedürfnis, ihre Erinnerungen mitzuteilen, ich auch.

Die Ausstellung meiner Fotos durch eine Internetseite zu begleiten, ermöglicht es allen, diese Perspektive auf den 11. September wahrnehmen zu können, auch jenen, für die der Weg nach Saarbrücken zu weit ist. Sämtliche Fotos stehen elektronisch zur Verfügung. Mittlerweile gibt es tausende Abrufe auf Flickr (Fotos) und YouTube (die Fotos als Film).
       

Seit wann gibt es die Seite, und wie viele Menschen (nur Deutsche?) sind Ihrem Aufruf auf september-2001.net mittlerweile gefolgt?
Die Internetseite september-2001.net habe ich im Juli 2011 eingerichtet. Mittlerweile finden sich dort über 350 Erinnerungen an die persönlichen Erlebnisse dieses Tages – die meisten aus Deutschland, aber auch einige aus den USA und auch Australien – ich hoffe, es werden noch viel mehr.

Wie wurden überhaupt Magazine wie Stern und Spiegel auf Sie aufmerksam?
Ein Redakteur des SPIEGEL, mit dem ich mich über den 11. September unterhalten hatte, schlug vor, diese Fotos zusammen mit meinem Augenzeugenbericht über einestages, dem Portal für Zeitgeschichten, auf SPIEGELOnline zu veröffentlichen. Der Stern und andere Medien wurden im wesentlichen über SPIEGELOnline auf die Fotos aufmerksam. Die internationale bzw. englische Ausgabe des SPIEGEL hat den Text übersetzt, so dass im Verlauf auch vermehrt Beiträge aus den USA eingestellt wurden.

Wie kam es zur Veröffentlichung des Fotos im Stern?
Ein Fotoredakteur des Stern hat die Fotos auf SPIEGELOnline gesehen und mich kontaktiert. Ich habe mich gefreut, dass der Stern seine mehrteilige Serie über den 11. September mit meinem Foto des Sonnenaufgangs beginnt. (Falls es Sie interessiert: Das Bildhonorar des Stern ging als Spende an die Patton Stiftung. Ich habe mit der Ausstellung keine finanziellen Interessen.)

Wo überall wurden Ihre Fotos zum 11.09.2001 veröffentlicht?
Eine Auswahl der Fotos erschien bei SPIEGELOnline, bei “Augenblicke”, dem Fotomagazin von t-online, bei stern und stern.de, berichtet haben u.a. die Berliner Zeitung, dapd, der Républicain Lorrain, SR1 und SR 2 KulturRadio, der Aktuelle Bericht des Saarländischen Rundfunks, WDR2 oder HR1:

|- Der letzte Aufgang zwischen den Türmen, einestages, Spiegel, 12.8.2011

|- The Last Sunrise Between the Twin Towers, SpiegelOnline International, 02.09.2011

|- Terroranschläge am 11. September in New York – Eine Woche im September 2001, “Augenblicke”, das Fotomagazin von t-online, 02.09.2011

|- Der 11. September 2001 – Der Tag, der unsere Welt veränderte, stern.de, 05.09.2011

|- Zehnter Jahrestag der Anschläge – Bilder von Reinhard Karger – Hoffnung auf Dialog, WDR2, 11.09.2011

|- ATTENTAT DU 11 SEPTEMBRE 2001 À NEW-YORK, Reinhard Karger: « Le bruit le plus effroyable de ma vie ! », Républicain Lorrain, publié le 11/09/2011

|- Reinhard Karger über das Fotografieren vor New York am 11. und 12. September 2001, Hessischer Rundfunk, hr1, 09.09.2011

|- “Das böseste Geräusch, das ich jemals gehört habe”, AD HOC NEWS, dapd, 03.09.11

|- Der 11. September – 10 Jahre danach, SR 1, 11.09.2011

|- Ausstellung zum 11. September, SR 2 KulturRadio, 16.08.2011

|- Fotos aus New York im September 2001, Aktueller Bericht, Saarländischer Rundfunk, SR, 24.08.2011

Die Ausstellung läuft noch bis 03.10.2011

Adresse:
Patton Stiftung: Sustainable Trust
Saargemünder Straße 70
66119 Saarbrücken

Die Patton Stiftung: Sustainable Trust beteiligt sich am Tag der Bildenden Kunst, Sonntag, 25.09., an dem die Ausstellung von 11:00-18:00 geöffnet ist.

Über mich:
Reinhard Karger, M.A., 50 Jahre, Unternehmenssprecher, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz GmbH, DFKI, Campus D 3-2, D-66123 Saarbrücken
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